Aus unserem Archiv

Diese Jubiläumsschrift soll unseren Nachkommen Kunde bringen von der Entwicklung des Unternehmens; es soll aber auch eine Dankes-Urkunde sein an alle, die in diesen 75 Jahren gewirkt und ihre Kraft der Firma zur Verfügung gestellt haben. Ganz vornehmlich jedoch sei diese bescheidene Chronik unserer Kundschaft gewidmet, die in ­guten und bösen Zeiten zu uns gestanden ist und durch diese Treue den fünfundsiebzigjährigen ­Bestand unseres Hauses ermöglicht hat. Mit diesem Dank und in diesem Sinne treten wir freudig und vertrauensvoll in die letzte Etappe zur Voll­endung des ersten Jahrhunderts.

... der Gründerjahre

Nach dieser Einleitung fassten 1943 – mitten im 2. Weltkrieg – die damaligen Geschäftsinhaber Christian Zürcher, Otto Daepp und Gottlieb Riem jun. die ersten 75 Geschäftsjahre in einer eindrücklichen Dokumentation zusammen und begannen einleitend: 

Gottlieb Riem, geb. 1825, Gutsbesitzer und Nat. Rat. in Kiesen, führte den von den Vorfahren übernommenen Landwirtschafts-Betrieb weiter. Dem Drange folgend, die sich aus der Eröffnung der Zentralbahnlinie Bern–Thun ergebenden Möglichkeiten auszunutzen, legte er im Jahre 1868 den Grundstein zum nachmaligen Weinhandelsgeschäft mit Sitz in Kiesen.

Hauptsächlich beansprucht durch die Bewirtschaftung des umfangreichen Gutsbetriebs und sicher auch seine politische Betätigung, hat er sich für die Führung dieser Neugründung nach einer jüngeren Kraft umgesehen, und so veranlasste er seinen Neuveu Johann Daepp von Oppligen, sich für die kommende Aufgabe praktisch ausbilden zu lassen ...

Gottlieb Riem und Johann Daepp (1. Generation) 

Was auch geschah: Johann Daepp, geboren 1847 und einzig überlebendes Kind seiner verstorbenen Eltern Hans Daepp und Magdalena Riem, wuchs bei seiner Grossmutter im angestammten Oppliger Stampfigut auf. Nach der Sekundarschule und einem zweijährigen Welschlandaufenthalt in Morges bereitete er sich in einem landwirtschaftlichen Institut am Bodensee auf die Weiterführung des Gutes vor. 

Ausgelöst durch die Pläne seines Onkels und Vormunds verliefen die Folgejahre jedoch anders: Sie führten ihn ab 1868 zur Grossweinhandlung Ferret Frères in Mâcon, dann nach Beaune, Belleville s. S. und via J. C. Bühler nach Béziers zurück nach Kiesen. Das Burgund kennend «comme sa poche» gelang es ihm, kurz vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges und seiner Teilnahme am Aktivdienst als Kavallerist die beiden letzten Eisenbahnwagons mit Mâcon und Beaujolais über die Schweizer Grenze zu bringen.

Gottlieb Riem, Nationalrat

Johann Daepp

Die nächsten Jahre nach Ende der Kriegswirren verliefen überaus erfolgreich. Gemeinsam betrieben Gottlieb Riem und Johann Daepp Landwirtschaft und Weinhandlung, wobei sich Gottlieb Riem vorwiegend der Politik (und der Beziehungspflege!) sowie der Landwirtschaft widmete und sich Johann Daepp – mittlerweile Gesellschafter und für Gewinn und Verlust zu gleichen Teilen participierend – schwergewichtig um den Einkauf aus dem Beaujolais kümmerte. 

Überaus praktisch dabei: Für den Transport ab Bahnstation und den Vertrieb zu den damals noch ungezählten Wirtschaften der Region standen ständig ein halbes Dutzend Pferde aus dem Gutsbetrieb zur Verfügung – standesgemäss betreut von den beiden Kavalleristen! Dementsprechend mussten auch die Gebäulichkeiten angepasst werden: Eine neue, grössere Scheune entstand, dann eine Fassremise mit einer Küferei, Letztere unterkellert mit einer Lagerkapazität von 180’000 Litern!

... der Jahrhundertwende

Ernst und Gottfried Riem; Otto und Fritz Daepp (2. Generation)

1883 trat Ernst Riem nach Gymnasial- und Handelsausbildung in die Firma ein. Es war die Zeit, als die Reblaus – aus Amerika eingeschleppt – grosse Teile Europas heimsuchte. Besonders Frankreich war arg betroffen. Dies zwang das Kiesener Unternehmen, nach andern Liefergebieten Ausschau zu halten. Es fand sie im noch etwas weniger betroffenen damaligen Ungarn, Grund für den jungen Ernst Riem, an Ort und Stelle Erfahrung zu sammeln und Beziehungen zu knüpfen. Daraus entstand eine lebenslange Verbundenheit zu Land und Leuten.

Mit dem Tod von Nationalrat Gottlieb Riem 1888 und Johann Daepp 1890 gingen die Geschäfte endgültig in die 2. Generation über. Diese umfasste vorerst Ernst Riem gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Gottfried Riem auf der einen sowie Otto Daepp und seinen Halbbruder Fritz Daepp auf der andern Seite. Stark beansprucht durch Geschäft und politisches Engagement als Grossrat erlag Ernst Riem noch nicht 50-jährig einem Herzschlag und wenig später folgte ihm sein Buder Gottfried. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs betreute somit die Seite der Daepps die aktiven Geschäfte, währenddem die Witwe von Gottfried Riem stille Teilhaberin blieb.

Gottlieb Riem II (3. Generation) ...

Mit dem Eintritt des 1892 geborenen Gottlieb Riem II war nach Ende des 1. Weltkriegs die Seite Riem wiederum aktiv vertreten. Der zunehmende Anteil an Schweizer Wein verbreiterte zwar die Basis des Weingeschäfts, aber Gutsbetrieb und Weinhandlung litten unter Absatzkrise und Preiszerfall der Krisenjahre und erforderten den vollen Einsatz aller Kräfte.

Christian Zürcher, Otto Daepp und Gottlieb Riem

... und Christian Zürcher

In der Person von Christian Zürcher wurden die beiden Familien ab dem 1. Juli 1929 erstmals «von aussen» tatkräftig unterstützt. Unter der straffen Leitung von Seniorchef Otto Daepp lebte sich der junge Mitarbeiter rasch in das für ihn neue Fachgebiet des Weinhandels ein. Durch seine freundliche, aufgeschlossene und bodenständige Wesensart fand er leichten Zugang zu vielen Inhabern von Gaststätten. Insbesondere im Emmental, wo Christian Zürcher aufgewachsen ist, gelang es ihm trotz harter Konkurrenz viele Freunde zu gewinnen und der Firma als Abnehmer zuzuführen, schrieb 1974 Bruno Riem im Nachruf zuhanden des Pfarrers nach dem Hinschied Christian Zürchers kurz vor dessen 76. Geburtstag. 

Vorher jedoch hatte das Engagement Chris­tian Zürchers gewichtige Auswirkungen: Otto Daepp starb 1945 und Christian Zürcher übernahm die Geschäftsleitung, nach und nach auch einen gewichtigen Aktienanteil und wurde so zum Mitinhaber der – jetzt – Riem, Daepp & Co. AG, ohne dass allerdings sein Name je in der Firmenbezeichnung auf­tauchte. Dank seiner Umsicht, seiner glücklichen Dispositionen und seinem Einsatz entwickelte sich die Firma im Zeichen der guten Konjunkturlage zum angesehenen Mittelbetrieb, ergänzte Bruno Riem denn auch den erwähnten Nachruf. Da keiner der Söhne Christian Zürchers in seine Fussstapfen treten wollte, ging sein 40 %-Anteil zurück an die Fami­lien Riem und Daepp – ein «grosser Lupf», wie diese damals vermerkten.

... und der jüngeren Geschichte

Bruno Riem (4. Generation)

Vorgesehen war ursprünglich die Fortführung der Geschäfte durch die Brüder Manfred und Hansueli Riem. Tragische Ereignisse vereitelten – nicht zum ersten Mal – die Pläne der Inhaberfamilien: Manfred verunglückte mit seinem Segelflugzeug und Hansueli starb früh an Leukämie. Das weitere Geschehen der Firma lag nun ab 1967 in den alleinigen Händen des dritten Bruders Bruno Riem.

Es folgte eine turbulente, verrückte Zeit, und es brauche Bruno Riems positive Einstellung, seine enorme Schaffenskraft und die Unterstützung seiner Frau Rita, um den Betrieb zu erhalten und auf den modernsten Stand zu trimmen, denn die Wirtschaftskrise ab 1975 – ausgelöst durch die Wirren am Erdölmarkt – grub tiefe Furchen in die Jahresrechnungen. Die Inflation galoppierte ungezügelt voran; die Kosten konnten nicht überwälzt werden und gleichzeitig fiel der Umsatz um mehr als ein Viertel. Spare in der Zeit, so hast du in der Not – dank der Reserven konnten die Verluste aufgefangen werden.

Auf die Wirtschaftskrise folgte die Weinkrise. Vier aufeinanderfolgende Missernten durch nasskaltes Wetter brachten den Weissweinmarkt  unseres Landes ab 1978 völlig durcheinander. Glücklich der Weinverkäufer, der 60 Halbeli Epesses anbieten und im Gegenzug beim Käufer 240 Halbeli Grünen Veltliner unterbringen konnte. Dieser, zusammen mit Mâcon Villages blanc und Beaujolais blanc, war das (An-)Gebot der Stunde! Und als dann 1982 die Fülle der (hängengelassenen) Schweizer Trauben Schwimmbecken füllte und die Qualität des Weins stellenweise mit den hämischen Medienkommentaren Schritt hielt, war der Ruf des Schweizer Weins ruiniert. Und unsere Umsätze litten.

Bruno Riem

Histoire à suivre

Langsam fasste die Firma in den 80er-Jahren wieder Tritt, aber die Krisenzeiten forderten ihren Tribut. Eine heimtückische Krankheit zwang Bruno Riem, die Geschicke der Riem, Daepp & Co. AG im Herbst 1991in die Hände von Herbert und Manfred Riem und damit der 5. Generation zu legen. In einer schlichten Firmennachricht verabschiedete er sich von seinen Kunden: ... viele Freundschaften durfte ich pflegen. Viele Gespräche werden mir in bester Erinnerung bleiben. Herzlichen Dank!